Die Stimme, die nie zufrieden ist



Kennst du das Gefühl, nach einem ganz normalen Tag abends im Bett zu liegen und trotzdem das Gefühl zu haben, nicht genug getan zu haben? Du hast gekocht, aufgeräumt, dich um jemanden gekümmert, vielleicht sogar etwas für dich selbst geschafft – und trotzdem meldet sich diese leise, aber beharrliche Stimme: Das war nicht genug. Du hättest mehr tun können. Andere schaffen das doch auch.

Diese Stimme kennt fast jede Frau, mit der ich arbeite. Manchmal ist sie laut und unüberhörbar, meistens aber schleicht sie sich leise ein – zwischen zwei Aufgaben, in einem Blick in den Spiegel, in dem Moment, in dem wir uns eine Pause gönnen wollen und uns sofort schlecht dafür fühlen.

Woher kommt diese Stimme eigentlich?

Die innere Kritikerin ist nicht einfach da, um uns zu quälen. Sie ist irgendwann entstanden – oft schon sehr früh –, weil sie eine Aufgabe hatte. Vielleicht sollte sie uns davor bewahren, enttäuscht zu werden. Vielleicht wollte sie sicherstellen, dass wir gemocht werden, dass wir dazugehören, dass wir „richtig" sind. In vielen Fällen hat sie über Jahre gute Arbeit geleistet – sie hat uns angepasst, vorsichtig, rücksichtsvoll gemacht.

Das Problem ist: Diese Stimme hat nie gelernt aufzuhören. Sie kennt kein „genug". Sie bewertet weiter, auch wenn die Situation, für die sie einmal notwendig war, längst vorbei ist. Und so sitzt sie bis heute mit am Tisch – bei jeder Entscheidung, bei jedem Blick auf das eigene Spiegelbild, bei jedem Moment, in dem wir eigentlich zur Ruhe kommen wollen.

Ein Perspektivwechsel

Was mir über die Jahre – beruflich wie persönlich – am meisten geholfen hat, ist ein einfacher, aber nicht immer leichter Schritt: die innere Kritikerin nicht als Feindin zu behandeln, sondern als einen sehr alten, sehr müden Teil von uns, der einmal versucht hat, uns zu schützen.

Wenn du das nächste Mal diese Stimme hörst, probiere einen Moment lang etwas aus: Frage nicht „Wie werde ich sie los?", sondern „Wovor wollte sie mich eigentlich einmal bewahren?" Diese Frage verändert die ganze Beziehung zu dieser Stimme. Aus einem inneren Gegner wird ein Teil deiner Geschichte – einer, den du verstehen kannst, statt ihn bekämpfen zu müssen.

Das bedeutet nicht, dass die Stimme von einem Moment auf den anderen verschwindet. Aber sie verliert etwas von ihrer Macht, wenn wir sie nicht mehr als Wahrheit nehmen, sondern als das, was sie ist: eine alte Gewohnheit, kein Urteil über deinen Wert.

Kleine Übung für den Alltag

Ein einfacher Anfang: Wenn dir die kritische Stimme das nächste Mal etwas zuflüstert – „Das war nicht gut genug", „Du hättest das anders machen müssen" –, halte kurz inne und schreib den Satz auf, genau so, wie du ihn gehört hast. Dann frag dich: Wessen Stimme klingt das eigentlich? Ist das wirklich meine eigene Einschätzung – oder ein Satz, den ich irgendwann einmal übernommen habe?

Oft merken wir dabei, dass die Worte gar nicht unsere eigenen sind. Sie stammen aus einer anderen Zeit, von anderen Menschen, aus Situationen, die längst vorbei sind. Dieses Erkennen allein schafft schon ein Stück Abstand – und Abstand ist der erste Schritt zu einem freundlicheren Umgang mit dir selbst.

Ein Weg, tiefer einzusteigen

Weil mich dieses Thema selbst über Jahre begleitet hat – beruflich wie ganz persönlich –, habe ich es in einem kleinen eBook ausführlicher aufgeschrieben. Darin gehe ich genauer darauf ein, wie die innere kritische Stimme entsteht, wie sie sich in unterschiedlichen Lebensphasen zeigt, und welche konkreten Schritte helfen können, ihr mit mehr Ruhe zu begegnen. Falls dich das Thema anspricht, findest du es bald in meinem kleinen digitalen Shop.

Bis dahin wünsche ich dir für die nächste Begegnung mit deiner inneren Kritikerin ein bisschen mehr Neugier – und ein bisschen weniger Kampf.

Alles Liebe, Jennifer

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